Anders Pehrson gehört zu den prägenden Persönlichkeiten des skandinavischen Beleuchtungsdesigns der Nachkriegszeit. Der ausgebildete Ingenieur aus Göteborg kaufte 1964 – im Alter von 52 Jahren – die kleine Åhuser Leuchtenmanufaktur Ateljé Lyktan von Svenska Philips für symbolische eine Krone und führte sie in gut fünfzehn Jahren zu einem der bedeutendsten schwedischen Leuchtenhersteller. Mit der Pendelleuchte „Bumling" (1968) und dem Bürobeleuchtungssystem „Supertuben" (1967) schuf er zwei Klassiker, die bis heute zu den ikonischsten schwedischen Designobjekten des 20. Jahrhunderts zählen. Sein Leitgedanke: die vier F – „färg, form, funktion och familj" (Farbe, Form, Funktion und Familie). Pehrson starb 1982.
Vom verhinderten Olympia-Radsportler zu Schwedens Lichtpionier
1936 wurde ein junger Göteborger für das olympische Radsport-Training im Vorfeld der Spiele von Berlin ausgewählt. In den Olympiakader schaffte er es nie. Seine Revanche nahm er 36 Jahre später – nicht im Sattel, sondern mit Licht: Zu den Olympischen Sommerspielen 1972 in München lieferte Ateljé Lyktan unter Anders Pehrsons Leitung rund 16 000 weiße Leuchten für das Olympische Dorf (Jansson 2009, S. 101–102). Diese biografische Klammer – junger Rennradfahrer, der nicht in Berlin 1936 antreten durfte, aber mit einem Lichtkonzept in München 1972 „einfährt" – gibt dem gesamten Pehrson-Kapitel im Jansson-Buch seinen Titel „Cyklisten" (Der Radfahrer) und ist zugleich Sinnbild seines Werdegangs: aus dem technisch-ingenieurhaft geschulten Sportler wurde der Marketing- und Formgeber, der schwedisches Licht in die Welt trug.
Vollständiger Name: Anders Pehrson (in einigen Quellen K. Anders Pehrson)
Geburtsdatum: 19. September 1912 in Göteborg
Sterbedatum: 1982
Ausbildung: Ingenieur (ingenjörsexamen), Ausbildung in Göteborg
Familie: verheiratet mit Karin Ney (Ehe im 27. Lebensjahr geschlossen; später geschieden 1963/64); drei Söhne: Leif, Göran (* 1944) und Kjell Pehrson
Frühe berufliche Stationen (Göteborg / Stockholm, 1930er–1963)
Nach dem Ingenieurexamen kehrte Pehrson dem Leistungs-Radsport (Monarkcykel, olympisches Trainingskader Berlin 1936, dessen Olympiakader er allerdings knapp verpasste) den Rücken und begann seine technische Karriere. Ab Ende der 1930er Jahre arbeitete er bei Bröderna Anderssons Velociped- & Radiofabrik in Göteborg – bekannt unter dem Namen „Kungs-Radio". Dort entwickelte er ein Gespür für Farbe und Form: In der Nachkriegszeit farbenlackierte Radiogehäuse (statt der bis dahin üblichen braunen Bakelit-Kästen) waren ein früher Verkaufserfolg – für Pehrson eine prägende Erfahrung, wie Farbe ein technisches Produkt aufwerten kann. 1954 wechselte er als Verkaufschef zu Centrum-Radio (Konzern AB Gylling & Co) und zog mit der Familie nach Nacka bei Stockholm; hier arbeitete er in den international erfolgreichen Centrum-Snabbtelefonen-Sparten. Wenig später wechselte er zum Elektronikkonzern Svenska Philips in Stockholm – zunächst als Verkaufschef, dann in der Produktentwicklung und schließlich als Designchef. Bei Philips lernte er auch die Åhuser Manufaktur Ateljé Lyktan kennen, die 1962–1964 zum Philips-Konzern gehörte und die „Philips Hemarmatur"-Reihe fertigte. Bei mehreren Werksbesuchen kam er zu dem Schluss, dass es „reizvoll wäre, sich eines solchen kleineren Betriebs anzunehmen" – er habe die hohe handwerkliche Qualität der Belegschaft und die Qualität einiger Bergström-Entwürfe erkannt.
Im April 1964 fuhr Pehrson mit seinem Citroën DS 19 „Paddan" nach Åhus und übernahm das Unternehmen für symbolische eine Krone. Ein staatliches Darlehen half ihm, den veralteten Maschinenpark zu erneuern; ohne diese Modernisierung wäre Ateljé Lyktan nach den Verlustjahren nicht überlebensfähig gewesen. Bereits 1965 übernahm er die Traditionsfirma A.-B. Arvid Böhlmarks Lampfabrik in Stockholm (siehe separates Böhlmarks-Profil); mehrere Böhlmarks-Modelle liefen anschließend im Åhuser Werk weiter. Pehrsons Ziel war nicht der exklusive Einzelentwurf, sondern die kosteneffiziente Serie mit klarer Design-Handschrift.
Pehrsons Designethik lässt sich mit den vier F beschreiben: färg, form, funktion, familj – Farbe, Form, Funktion und Familie (im doppelten Sinn: konstruktiv als Produktfamilie und emotional als Alltagsobjekt). Konstruktiv setzte er auf modulare Bauteile, die es erlaubten, aus wenigen Elementen (Fuß, Schaft, Schirm) ganze Serien und Größenvarianten zu bilden. Formal strebte er nach reduzierten, oft rein zylindrischen oder halbkugeligen Grundformen, deren Wirkung ganz an der Proportion und – vor allem – an der Farbe hing. Bewusst wählte er kräftige Autolack-Farben: „Es gilt, auf einen Trend aufzuspringen; wenn er sich einmal in eine Welle verwandelt hat, ist es schon zu spät" (Sinngemäß nach Jansson 2009, S. 120).
Ein Schlüsselerlebnis war 1966 ein Besuch der Beleuchtungsmesse Hannover, verbunden mit einem Abstecher ins nahegelegene Volkswagen-Werk zusammen mit seinem Sohn Göran Pehrson (der kurz zuvor als Konstruktionsverantwortlicher bei Ateljé Lyktan eingestellt worden war). Anders Pehrson sah dort die soeben neu präsentierte Farbpalette des VW 1300 („Bubblan") in leuchtenden Signalfarben – und dachte laut: „Wenn man Autos in solchen Farben machen kann, warum dann nicht Lampen?" (sinngemäß nach Jansson 2009, S. 118). Dieser Gedanke wurde zur Geburtsstunde der farbig lackierten Bumling.
Die Bumling wurde im Januar 1968 auf der Beleuchtungsmesse in Göteborg vorgestellt. Die Blechkuppel mit dem charakteristischen abgesetzten oberen Rand wurde von der Druckerei Tryckta in Markaryd im Trycksvarvverfahren tiefgezogen; die endgültige Lackierung war für die racerbils-grüne Autolackfarbe „Serva Lack" vorgesehen. Da wenige Tage vor der Messe keine Sprühlackierung mehr rechtzeitig verfügbar war, wurde der erste Prototyp in der Åhuser Farbenhandlung von Hand mit Serva Lack bestrichen; noch beim Aufbau in Göteborg klebten kleine Papierschnipsel der Verpackung an der klebrigen Lackschicht. Der Name „Bumling" (schwedisch für großer Findling, Boulder) wird nach einer nicht ganz gesicherten Anekdote auf Anders Pehrsons Ausspruch „det där var mig en stor bumling, du Anders!" zurückgeführt. Die Leuchte kam schließlich in sechs Durchmessergrößen heraus: 190, 250, 300, 400, 485 und 600 mm; erhältlich als Pendel-, Steh- und Tischversion, in einer für Skandinavien typischen breiten Palette kräftiger Lackfarben (grün, orange, blau, gelb, weiß und andere). Bis heute ist die Bumling eine der meistverkauften schwedischen Leuchtenikonen.
● Simris (1964) – frühes Modell aus Pehrsons Anfangszeit bei Ateljé Lyktan.
● Rampling (1966) – Serienmodell.
● Supertuben (1967) – modulares Bürobeleuchtungssystem, Anders Pehrsons zweiter großer Wurf: ein linear aufgebautes, verkettbares Leuchtensystem für Großraumbüros. Später Ende der 1970er umkonstruiert für gleichmäßige Lichtausbeute über die volle Länge, Mitte der 1990er Jahre auf T5-Röhren umgestellt (Stranggepresste Aluminiumprofile von Sapa Profiler). Zubehör umfasste eingebaute Stromauslässe, LED-/Nachtlichter und Lautsprechermodule. Neben der Bumling der zweite lange erfolgreiche Ateljé-Lyktan-Klassiker.
● Elevinken (Mitte 1960er) – Krankenbett-/Pflegeleuchte, die im Keller der Villa Rönnowsgatan als „Krankenzimmer" ergonomisch entwickelt wurde. Der Name spielt auf die schwedische TV-Marionette Televinken an; die Bedienung mittels Bowdenzügen und Handgriff erinnert bewusst an eine Marionette. Beispiel für Pehrsons frühen Fokus auf den öffentlichen Sektor (Krankenhäuser).
● Bumling (1968) – siehe oben.
● Fungus (1969) – organische pilzartige Pendelform.
● Crystal (1970).
● Knubbling (1971) – „kleiner Bruder" der Bumling in kompakterer, gedrungener Form.
● Tube (1973).
● Sovo (1978) – letzte große Serie unter Pehrson.
Pehrsons Modelle sind heute international gesuchte Sammlerstücke und werden auf spezialisierten Vintage-Designplattformen wie 1stDibs und Pamono gehandelt. Für Ateljé Lyktan – ab 1974 Teil der Fagerhult-Gruppe – bilden Bumling und Supertuben bis heute das ikonische Rückgrat der Marke. Nach seinem Rückzug übernahm 1978 Bengt Fitger die Geschäftsführung; die Ausrichtung verlagerte sich stärker auf professionelle Objektbeleuchtung. Anders Pehrson starb 1982.
● Johan Jansson (Medförfattare Staffan Bengtsson): „Ljuset ska vara vitt och lysa fritt – Historien om ateljé Lyktan", Åhus/Fagerhult 2009, insbesondere Del 2 „Cyklisten – Historien om Anders Pehrson" (S. 101–145) sowie der einleitende Abschnitt „DESIGNCHEFEN" (S. 102–103). Weitere für Pehrson relevante Passagen im Werkverzeichnis „Lamporna" (S. 231 ff.).
Ergänzende Online-Quellen:
● „Anders Pehrson", Pamono: https://www.pamono.com/designers/anders-pehrson/
● „Anders Pehrson", 1stDibs: https://www.1stdibs.com/creators/anders-pehrson/
● „Anders Pehrson", Design Addict: https://designaddict.com/designer/anders-pehrson-2/
● „Anders Pehrson", Studio Schalling: https://schalling.se/designer/anders-pehrson
● „Anders Pehrson Bumling Floor Lamp", Vintageinfo: https://vintageinfo.be/anders-pehrson-bumling-floor-lamp/
● „Anders Pehrson Bumling Pendant Lamp", Vintageinfo: https://vintageinfo.be/anders-pehrson-bumling-pendant-lamp/
● „Ateljé Lyktan", schwedische Wikipedia: https://sv.wikipedia.org/wiki/Atelj%C3%A9_Lyktan
● „Ateljé Lyktan – mer än bara Bumling", Bizstories: https://www.bizstories.se/foretagen/atelje-lyktan-mer-an-bara-bumling/
Stand der Recherche: 18. Juli 2026. Alle biografischen Angaben und Zitate sind eigenständige Zusammenfassungen von Fakten aus dem oben genannten Buch bzw. den Online-Quellen; wörtliche Zitate sind mit Seitenangabe und Quellenverweis versehen.