Fast jede Quelle im Handel und selbst die heutige Firma Oluce geben als Gründungsjahr „1945" an und bezeichnen sich als „ältesten noch aktiven italienischen Leuchtenhersteller". Diese Erzählung ist, wie das 2021 erschienene zweibändige Werkverzeichnis von Thomas Bräuniger anhand von Primärquellen (u.a. ein vierseitiger Artikel der Zeitschrift Domus vom Dezember 1963 sowie die offizielle Handelskammer-Registrierung) belegt, historisch nicht haltbar. Tatsächlich handelt es sich um zwei unternehmensgeschichtlich getrennte Firmen, die denselben Namen tragen:
Die historische Firma O-LUCE di Giuseppe Ostuni wurde im Juli 1947 von Giuseppe Ostuni in Mailand gegründet und am 19. Oktober 1948 offiziell bei der Handelskammer angemeldet. Ostuni selbst liquidierte sein Unternehmen am 28. Oktober 1982. Die heutige Firma Oluce S.p.A. (auch „Oluce Italia") wurde erst 1973 von Angelo Verderi gegründet, mit Vico Magistretti als Aktionär und zunächst alleinigem Designer der neuen Gesellschaft. Ostuni versuchte 1975 erfolglos, seinen eigenen Firmennamen markenrechtlich zu schützen — vermutlich, weil Verderis neue Firma den ähnlichen Namen bereits nutzte. In der Folge sicherte sich Oluce S.p.A. sukzessive die Rechte an zentralen Design-Ikonen aus Ostunis Produktion, darunter Leuchten von Joe Colombo und Tito Agnoli sowie Marco Zanusos Modell 275. Die „gegründet 1945"-Erzählung entstand laut Bräuniger erst 1996, als Antonio Verderi (Sohn des Firmengründers) die Leitung übernahm und Marco Romanelli zum Art Director ernannt wurde: Ab diesem Zeitpunkt wurde Giuseppe Ostuni rückwirkend als „Maestro" und Gründer der noch heute aktiven Firma dargestellt — eine Kontinuität, die es nach den Recherchen des Autors so nie gegeben hat.
Giuseppe Ostuni wurde am 2. Juni 1907 in Triest geboren. 1915 zog die Familie nach Fiume, 1919 nach Mailand, wo Ostuni die Handelsschule besuchte und ab 1923 im väterlichen Holzhandel arbeitete. Anfang der 1930er Jahre eröffnete er ein Kaffeehaus in Triest, Mitte der 1930er handelte er kurzzeitig mit Holz im damals italienischen Asmara (Äthiopien), bevor er 1939 nach Triest zurückkehrte. 1942 heiratete er Liliana Brunetti; die gemeinsame Tochter wurde 1943 geboren. Am 2. Juli 1945 übersiedelte Ostuni mit seiner Familie von Triest nach Mailand zu seinem Bruder Angelo, für dessen Firma „Frangi" er zunächst Lampenschirme reparierte und herstellte. Im Juli 1947 machte er sich selbstständig.
Giuseppes Bruder Angelo Ostuni (geboren 28. August 1904 in Triest) zeigte schon in der Schulzeit zeichnerisches Talent und veröffentlichte Arbeiten in der Studentenzeitschrift „La Fiamma Verde". 1934 zog er von Florenz nach Mailand und eröffnete dort die Bar Canova, deren Innenausstattung er gemeinsam mit dem Architekten Luciano Baldessari plante — ein Projekt, das in einem mehrjährigen Rechtsstreit endete. Nach der Zerstörung der Bar bei einem Bombenangriff 1943 gründete Angelo Ostuni 1944 das Antiquitäten- und Einrichtungsgeschäft „Frangi" sowie das „Studio 44". Laut Bräuniger gehörte Angelo Ostuni neben Joe Colombo zu den beiden für die Firmengeschichte bedeutendsten Personen, die in den offiziellen (und mehrfach fehlerhaften) Firmendarstellungen bis heute unerwähnt bleiben — seine erhaltenen Handzeichnungen aus den Jahren 1947 bis 1954 sind zugleich eine der wichtigsten Quellen zur frühen O-LUCE-Produktion.
1949 begann die Zusammenarbeit mit dem Designer Franco Buzzi; dessen Stehleuchte B 13/B 13A wurde 1951 auf der IX. Triennale mit der Goldmedaille ausgezeichnet. Im selben Jahr begann Tito Agnoli als Werkstudent bei Ostuni und sollte zu einem der prägenden Gestalter der Firma werden. 1954 zog O-LUCE in neue, größere Geschäftsräume in die Via Sant'Eufemia 2 in Mailand um. Mit Agnoli-Leuchten nahm Ostuni an den Compasso-d'Oro-Wettbewerben 1954, 1955 und 1956 teil — jedes Mal ausgezeichnet mit einer „Segnalazione d'Onore" (ehrenvolle Erwähnung), nicht mit dem Hauptpreis, wie es in manchen späteren Quellen fälschlich heißt. 1957 entwarf Agnoli die erste Glasleuchte für O-LUCE, gefertigt aus Pressglas der französischen Firma Holophane.
1962 stieß Joe Colombo zu Ostuni; es begann eine enge Zusammenarbeit und Freundschaft, die bis zu Colombos frühem Tod am 30. Juli 1971 andauerte. Die erste gemeinsam realisierte Leuchte war eine Deckenleuchte aus quadratischen Perspexstäben. 1964 gewann Modell 281 die Goldmedaille auf der XIII. Triennale, 1967 wurde die „Spider"-Leuchte mit dem Compasso d'Oro ausgezeichnet. 1970 schenkte Ostuni dem MoMA in New York eine „Spring"-Tischleuchte und begann, fasziniert von der neuen Halogentechnik, mit der Produktion der ersten Hochvolt-Halogenleuchte. Nach Colombos Tod 1971 begann 1973 die Zusammenarbeit mit dem Designer Bruno Gecchelin — im selben Jahr, in dem mit der Gründung von Oluce S.p.A. auch die zweite Firmengeschichte begann.
Ostunis Firmenkataloge gelten als die zuverlässigste Quelle zu Designern, Materialien, Ausführung und Maßen der Leuchten; bis 1965 wurden sie von Tito Agnoli gestaltet, danach bis 1971 von Joe Colombo. Der erste Katalog erschien 1959. Der zweite, um 1963 erschienene Katalog war eine kleinformatige Mappe mit 53 losen Einzelblättern — er enthielt Joe Colombos allererste Leuchte für Ostuni. Der dritte Katalog von 1965 zeigte in zwölf Sektionen bereits 137 Modelle, darunter die mit der Triennale-Goldmedaille ausgezeichnete „C"-Leuchte und die Cornalux-Serie von Tito Agnoli. Ein vierter Katalog mit neuem Logo und neuer Corporate Identity reduzierte die Kollektion auf 66, überwiegend von Joe Colombo entworfene Modelle. Der Katalog von 1970 trug ein Silberdruck-Cover zum vermeintlichen 25-jährigen Firmenjubiläum — ein Hinweis darauf, dass selbst Ostuni das Gründungsjahr seiner eigenen Firma in verschiedenen Zusammenhängen uneinheitlich angegeben hat.
Wie die meisten Hersteller der Zeit, darunter auch Gino Sarfatti bei Arteluce, verwendete Ostuni von Beginn an Zahlencodes statt Namen: 100er-Serie für Wandleuchten, 200er für Tischleuchten, 300er für Stehleuchten, 400er für Decken- und Hängeleuchten. Erst ab 1964 erhielten auch Joe Colombos Leuchten zusätzlich zur Modellnummer einen Namen — etwa Modell 291 „Spyder" (später „Spider"), 2202 „Coupé", 2205 „Spring", 2208 „Flash" oder 3326 „Alogena". Zahlreiche der heute geläufigen Namen wie „Acrilica", „Horus", „Ra" oder „Onda" bei Colombo-Leuchten sowie „Wing" und „Dogale" bei Gecchelin-Leuchten stammen dagegen nicht von Ostuni oder den Designern selbst, sondern wurden erst später von den Firmen erfunden, die die Wiederauflagen produzierten und vertrieben — vorrangig zu Marketingzwecken. Wer ein Originalstück aus der Ostuni-Ära (vor 1973) besitzt, sollte diese späteren Namen daher mit Vorsicht verwenden.
Für Sockel von Tisch- und Stehleuchten verwendete Ostuni überwiegend weißen Carrara-Marmor, daneben Rosso Levanto und den grünen Serpentinit Verde Alpi aus dem Aostatal. Stoffschirme fertigte er in eigener Werkstatt, Metallschirme ließ er von Blechdruckern zuliefern — anfangs aus Messing, ab Ende der 1940er Jahre auch aus Aluminium. Zum Schutz polierter Messingoberflächen kam Zaponlack zum Einsatz, der mit den Jahren nachgilbt — ein hilfreiches Detail zur Altersbestimmung. Die Farbpalette entwickelte sich von anfangs Weiß, Elfenbein und Schwarz über kräftige Rot-, Gelb-, Blau- und Grüntöne ab Ende der 1940er zu einer festen Farbskala mit zunächst sechs, ab Ende der 1960er neun Farben.
Wer ein Oluce-Stück zur Bestimmung oder zum Ankauf vorliegen hat, sollte grundsätzlich zwischen zwei Werkphasen unterscheiden: der Ostuni-Ära (1947/48–1982, historisch „O-LUCE di Giuseppe Ostuni") und der Ära der heutigen Firma Oluce S.p.A. (seit 1973, mit Vico Magistretti als prägendem Art Director und späteren Neuauflagen der Colombo-, Agnoli- und Zanuso-Klassiker). Beide Phasen tragen denselben Firmennamen, sind aber unternehmensgeschichtlich getrennt zu betrachten.
Thomas Bräuniger: *O-LUCE di Giuseppe Ostuni. Ein Werkverzeichnis*, 2 Bände, Lumi Press, 2021. Zweisprachig Deutsch/Englisch, 517 Seiten. Erste umfassende, quellenbasierte Aufarbeitung der Firmengeschichte von Giuseppe Ostuni und O-LUCE (1947–1982), mit korrigierter Chronologie, Katalog-Historie und Werksverzeichnis.
- Mel Byars: *The Design Encyclopedia*, Laurence King Publishing, London, 1994/2004, S. 537 — Autor weist mehrere Falschangaben nach (Gründungsjahr 1945, fehlerhafte Designerliste)
- Clive Edwards (Hg.): *The Bloomsbury Encyclopedia of Design*, Bloomsbury Publishing, London, 2016 — erwähnt Giuseppe Ostuni laut Bräuniger kaum bis gar nicht
- *Dizionario del design italiano*, Cantini Editore, Milano, 1995, S. 231 — widersprüchliche Gründungsangaben (1935 bzw. 1946)
- Markus Thomas Heider (Hg.): *Lexikon Internationales Design*, Reinbek, Hamburg, 1994 — nennt Gründungsjahr 1963, erwähnt Ostuni nicht
- Alberto Bassi: *Italian Lighting Design, 1945–2000*, Electa Architecture, Milano, 2004 — laut Bräuniger einzige nennenswerte Vorarbeit, aber ebenfalls mit zahlreichen Falschangaben zu Ostuni/O-LUCE
- Domus, Dicembre 1963, Nr. 409 — vierseitiger Zeitschriftenartikel, zentrale Primärquelle für Selbstauskunft Ostunis („gegründet 1946") und Firmendetails (Adresse, Exportländer, Designerliste)
- Roberto Aloi: *Esempi* (Schriftenreihe) sowie *Illuminazione D'Oggi*, 1956
- Domus Quaderni: *Illuminazione*, 1945
- Alexander Koch: *Neuzeitliche Leuchten*, 1953
- Franco Magnani: *Lampade*, 1965
- Gerhard Krohn: *Lampen und Leuchten*, 1962 (sowie eine frühere Ausgabe 1952 mit Hierl)
*(Diese repräsentieren die verbreitete „1945"-Erzählung, der Bräuniger widerspricht — zur Kontrastierung aufgeführt, nicht als bestätigter Fakt.)*
- oluce.com — offizielle Website des heutigen Unternehmens: „Oluce is the oldest Italian lamps and lighting design company still active today"
- Finnish Design Shop — Herstellerseite: „Oluce, established by Giuseppe Ostuni in 1945, is the oldest Italian lighting design company still active today" (finnishdesignshop.com/en-us/manufacturer/oluce)
- AmbienteDirect — internationale Angebote, die das Gründungsjahr 1945 wiederholen (ambientedirect.com/hersteller/oluce)
Die Diskrepanz zwischen Bräunigers primärquellenbasiert rekonstruierter Firmengeschichte (Gründung Juli 1947, offizielle Anmeldung 19.10.1948, Liquidation durch Ostuni 1982; separate Neugründung „Oluce S.p.A." 1973 durch Angelo Verderi) und der bis heute von der Firma selbst sowie praktisch allen Händlern verbreiteten Erzählung („gegründet 1945") sollte im Beitrag transparent gemacht, nicht stillschweigend aufgelöst werden.
Stand: 23.07.2026